Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Geschichte

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Die Jenaer Klinik für Psychiatrie kann sich auf eine seit 1804 dokumentierte Geschichte berufen. In diesem Jahr wurde in Jena das "Fürstlich-sächsisch-weimarische Irreninstitut" gegründet. Damit war Jena im mitteleuropäischen Raum die fünfte Universität nach Würzburg, Wien, Prag und Berlin, die eine Institution für Nervenkranke errichtete. Im Gründungsjahr wurden das Weimarer, bald danach auch des Eisenacher Irrenhaus nach Jena verlegt, ermöglicht durch die Stiftung einer Jenaer Witwe Hellbachin. Das erste Gebäude befand sich im Gelände des heutigen Klinikums, in der Bachstraße, umfaßte 10 Zimmer mit 34 Betten und unterteilte sich in ein "Irren-Männerhaus" und ein "Irren-Weiberhaus". 1846 entstand oberhalb der Ziegelmühle, an der Stelle des heutigen Pathologischen Institutes ein einstöckiges Tollhaus mit 4 festen Stuben für Tobsüchtige. Zum Pflegepersonal zählten damals neben dem Direktor und einem Hilfsarzt auch drei Wärter und zwei Wärterinnen. Die frühen Direktoren waren oft gegen ihre Neigung, manchmal gegen ihren Willen zum Amt bestimmt. Die Behandlung erfolgte nur vereinzelt über Medikamente, oft über Verhaltenstherapien, die neben Belohnungen auch in teilweise recht grausamer Weise die Prügelstrafe einbezogen: "...er lärmte die ganze Nacht, bekommt derohalb herzhafte Prügel..." , oder das Drehbett und den Drehstuhl. Über die Hälfte der an akuter Psychose Erkrankten verstarb.

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Der erste bedeutsame Psychiater, der die Tradition dieser Wissenschaft in Jena begründete, war Dietrich Georg Kieser (1779 - 1862). Er kam 1812 als a.o. Professor an die Jenaer Universität, vertrat als Romantiker ein entwicklungsgeschichtlich-anthropologisches Konzept und wandte sich gegen die "Anmaßung ephemerer iatromathematischer und iatrochemischer Theorien". Kieser bemühte sich um seine Patienten. Er erwarb sich Verdienste bei der Erarbeitung einer damals ausgesprochen fortschrittlichen Irrengesetzgebung und gleichermaßen lag ihm die Ausbildung junger Ärzte am Herzen. Die psychiatrische Klinik war ihm der "Prüfstein der Wahrheit der theoretischen Psychiatrik".

UKJ_Psy_Ges_For_05Unter dem Direktorat von Prof. Dr. Fritz Sieber folgten 1879 die Schaffung des Lehrstuhles für Psychiatrie in Jena und die Eröffnung des neuen damals dreiteiligen Gebäudes im Pavillonstil am heutigen Philosophenweg. In der neuen Klinik wurden anfangs 136 Betten geführt: 76 für Männer und 60 für Frauen. Zum Klinikskomplex gehörten damals anliegende Felder und Gärten, Stallungen für Pferde, Kühe, Schweine und Geflügel, eine Buchbinderei, eine Schuhmacherwerkstatt, eine Tischlerei, eine Schlosserei, eine Kegelbahn und nicht ganz nebensächlich: ein eigenes kleines Gebetshaus. Das Personal setzte sich zusammen aus: einem Direktor, einem Hausarzt, zwei Assistenzärzten und 33 Pflegerinnen und Pflegern.

UKJ_Psy_Hist_Pers_Binswanger-Otto_02Der nächste bedeutsame Psychiater Jenas, Otto Binswanger (1852 - 1929) arbeitete hier von 1882 bis 1919. Er stammte aus eine ursprünglich in Bayern beheimateten Ärztefamilie, aus der mehrere verdienstvolle Psychiater hervorgingen. Binswanger war ein bedeutender Kliniker, zu dem Patienten aus vielen Ländern Europas zur Behandlung strömten und den internationalen Ruf der Klinik begründeten. Zeitweise soll der ganze Obere Philosophenweg an Privatpatienten Binswangers vermietet gewesen sein. Namen wie Friedrich Nietzsche, Henry van de Velde, Johannes R. Becher sollen beispielsweise genannt sein. Ein besonderes Verdienst Binswangers war, Anregungen gegeben zu haben. Sein Schüler Strohmeyer begründete z.B. in der Zusammenarbeit mit den Trüper'schen Anstalten nicht unwesentlich die deutsche Kinder- und Jugendpsychiatrie mit, die Psychotherapeuten J.H. Schultz und Speer fanden im Binswangerschen Haus gute Arbeitsbedingungen, die Hirnforscher Oskar und Cecilie Voigt und Korbinian Brodmann wurden von Binswanger - im Zusammenhang mit der Zeiss'schen Entwicklung neuer Mikroskope - zu ihren grundlegenden Untersuchungen der Hirnarchitektur angeregt.

UKJ_Psy_Hist_Pers_Berger-Hans_07Der bedeutendste Schüler Binswangers wurde 1919 sein Nachfolger: Hans Berger (1873 - 1941). Berger war in vielem das Gegenteil Binswangers. Ohne dessen schäumendes Temperament, ohne dessen Weltzugewandtheit verkörperte er den Typ des Gelehrten, der im stillen Ehrgeiz sein Lebenswerk vorantrieb. Die Entdeckung des menschlichen EEG gelang ihm bereits 1924, aber erst 1929 erfolgte die erste Veröffentlichung zu diesem Thema. Er fand kaum Verständnis für seine Forschungen, oft Ablehnung, sogar Spott. Für seine Entdeckung zum Nobelpreis vorgesehen, durfte er diesen vor dem Krieg nicht annehmen, und war, als er nach dem Krieg erneut vorgeschlagen wurde, nicht mehr am Leben. Hans Bergers Schüler Kurt Kolle berichtete später, daß die Psychiatrie, das eigentliche Forschungsgebiet Bergers, das seinen Höhepunkt in seiner letzten Schrift "Psyche" fand, ihm gar nicht lag: die ausführliche Exploration war nicht seine Sache und sein psychiatrisches Kolleg war im Gegensatz zum Neurologischen Kolleg nach Ansicht seines Schülers v. Keyserlingk trocken, um nicht zu sagen langweilig. Berger litt mit zunehmendem Alter wiederholt an seelischen Verstimmungen und nahm sich 1941, in einem Anfall tiefer Schwermut das Leben.

Bergers Nachfolger, Berhold Kihn (1895 - 1964) übernahm 1938 das Amt, qualifiziert dazu u.a. durch seine Veröffentlichung zur "Ausschaltung der Minderwertigen aus der Gesellschaft". Als Mitglied der Kommission zur Vorbereitung eines Sterbehilfe-Gesetzes, regte er u.a. an, alte Schizophrene von lebensverlängernden Maßnahmen im Falle zusätzlicher körperlicher Erkrankungen auszuschließen. Wegen seines aktiven Einsatzes für die Ziele des Nationalsozialismus wurde er am 20.09.1945 in Thüringen aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Nachdem er später in Erlangen eine Ehrenprofessur bekam und wieder als Psychiater arbeitete, geriet Kihn im Gefolge der gerichtlichen Untersuchungen zur Euthanasie-Problematik 1961 in die Schlagzeilen verschiedener Zeitschriften. Das gegen Kihn eingeleitete Ermittlungsverfahren, das deutliche Hinweise auf Kihns Gutachtertätigkeit bei Euthanasiefällen ergab, stellte die Staatsanwaltschaft 1963 mit der Begründung ein, der Beschuldigte habe wohl nicht allzusehr im Vordergrund des Euthanasie-Programmes gestanden.

Nachdem gegen Ende des 2. Weltkrieges die Patientenzahl der Jenaer Klinik deutlich abgenommen hat, stiegen die Behandlungszahlen nach 1946 wieder, weniger dem psychiatrischen Krankengut, als vor allem dem zunehmend neurologischen Krankengut geschuldet. Zwei Schüler Hans Bergers, Rudolf Lemke (1906 - 1957) und Hugo von Keyserlingk (1909 - 1980) folgten bis 1975 auf den Jenaer Lehrstuhl. Weitere wichtige Nervenärzte der deutschen Nachkriegsgeschichte gingen aus der Jenaer Klinik hervor: z.B. W. Schulte, der ein bedeutsames Lehrbuch verfaßte, J. Sayk als Begründer der modernen Liquorforschung, H. Rennert, der mit seinen Forschungen zum Syndromwandel im Verlauf psychischen Krankseins einen bedeutsamen Beitrag zum Konzept der "Einheitspsychose" leistete oder E. Lange, der später in Dresden tätige und für die DDR-Psychiatrie in den Jahren der Isolierung wichtige Ordinarius. 1956 erhielt die Klinik auf den Vorschlag Rudolf Lemkes hin den Namen "Hans-Berger-Klinik". Neue diagnostische Verfahren, z.B. Pneumenzephalogramm und die zerebrale Angiographie, hielten seit Kriegsende Einzug in die Klinik. Der Einführung neuer Therapieverfahren, der Elektrokrampfbehandlung und der neuroleptischen Therapie, folgte ein Wandel des Patientenalltages: in den 60er Jahren wurden auf den geschlossenen Stationen Gardinen angebracht und das Essen mit Messer und Gabel gestattet. Die organisatorische Abtrennung der Neurologie von der Psychiatrie erfolgte in Jena 1975; bis 1990 leisteten jedoch Mitarbeiter der beiden Abteilungen noch Dienste in der jeweiligen Nachbardisziplin.

PD Dr. Sebastian Lemke, November 1999


Die Klinik für Psychiatrie umfaßt heute 7 Stationen mit insgesamt 116 Betten, eine Psychotherapiebereich, eine allgemeinpsychiatrische Poliklinik, eine Tagesklinik und eine gerontopsychiatrische Tagesklinik. Weitergehende Informationen zu den aktuellen Schwerpunkten der Krankenversorgung und Forschung finden Sie unter den entsprechenden Stichworten der Startseite.






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